Orthografie als Hindernis

Seit Juni unterrichte ich Asylbewerber in Deutsch. Alle sind Analphabeten und haben nie eine Schule besucht. Natürlich wollte ich mit ihnen von Anfang an eine gute Aussprache trainieren. Da sie nicht lesen und schreiben konnten, bot es sich an, den Schwerpunkt auf Sprechen durch Hören und Nachsprechen zu legen.

Und was soll ich sagen? Ich habe noch nie vorher erlebt, dass sich Leute mit der Aussprache so leicht tun!!! Die Männer lernen fast ausnahmslos sehr gut über das Gehör, über Wiederholung und Nachsprechen. Natürlich gibt es vereinzelt Probleme. So haben einige Pakistani Probleme mit „pf“ (Apfel wird Appel), ein Afghane ersetzt F gern durch P und auch der Unterschied o – u sowie e – i fällt nicht immer leicht. Aber alles in allem und insbesondere was die Prosodie angeht, ist die Aussprache hervorragend und beim Deutschlernen das geringste Hindernis.

Für mich eine Bestätigung meiner These, die ich schon seit langem vertrete: Wer Wörter immer sofort geschrieben sieht (oder sehen will, wie es meistens in meinen Deutschkursen der Fall ist) und alles kognitiv erfassen will, tendiert zu „falschen Freunden“ und hat Ausspracheprobleme, die er/sie nicht hätte, wenn er/sie das Schriftbild nicht kennen würde.
Ich habe in den letzten Monaten lernen dürfen, dass Lernen ganz anders funktionieren kann, als wir, die wir von klein auf in einer Schule „gebildet“ wurden, das einstudiert haben. Danke an Joseph, Mohammad, Saif und die anderen.